Nicht erst irgendwann
Manchmal sind es ganz beiläufige Begegnungen, die etwas in uns auslösen.
Ein Gespräch zwischen Tür und Angel.
Ein Satz, den jemand fast nebenbei sagt.
Ein Mensch, dem wir nach langer Zeit wieder begegnen.
Und plötzlich bleibt etwas hängen.
Heute hatte ich gleich mehrere solcher Momente.
Ganz unterschiedliche Gespräche mit ganz unterschiedlichen Menschen – und trotzdem haben sie am Ende etwas Ähnliches in mir berührt.
Diesen Gedanken:
Warum warten wir eigentlich so oft, bis etwas passieren muss, bevor wir anfangen, uns selbst wieder wichtig zu nehmen?
Warum erlauben wir uns Ruhe häufig erst dann, wenn wir erschöpft sind?
Warum kümmern wir uns um unseren Körper oft erst dann, wenn er beginnt, sich bemerkbar zu machen?
Warum nehmen wir uns Zeit für uns selbst erst dann, wenn wir merken, dass eigentlich schon lange keine Kraft mehr übrig ist?
Und warum glauben wir so oft, dass erst bestimmte Dinge erledigt, geschafft oder erreicht sein müssen, bevor wir uns erlauben dürfen, einfach einmal zu sein?
Wenn erst … dann.
Vielleicht kennst du diese Gedanken auch.
Wenn diese stressige Zeit vorbei ist, dann kümmere ich mich wieder mehr um mich.
Wenn die Kinder größer sind, dann habe ich wieder mehr Zeit.
Wenn es bei der Arbeit ruhiger wird, dann mache ich endlich wieder etwas für mich.
Wenn ich finanziell besser dastehe.
Wenn dieses eine Projekt erledigt ist.
Wenn der Alltag nicht mehr so voll ist.
Wenn irgendwann endlich alles ein bisschen leichter wird.
Dann.
Dann gönne ich mir Ruhe.
Dann fange ich wieder an, mich zu bewegen.
Dann gehe ich zum Yoga.
Dann lese ich wieder.
Dann treffe ich meine Freundin.
Dann mache ich all die Dinge, von denen ich eigentlich längst weiß, dass sie mir guttun.
Aber dieses „Dann“ verschiebt sich erstaunlich leicht immer weiter nach hinten.
Denn wenn eine Sache geschafft ist, wartet häufig schon die nächste.
Das Leben wird nicht irgendwann fertig.
Vielleicht wird es auch nie diesen vollkommenen Moment geben, an dem alle Aufgaben erledigt, alle Sorgen verschwunden, alle Menschen versorgt und alle offenen Punkte abgehakt sind.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Müssen wir uns Ruhe wirklich verdienen?
Ich glaube, viele von uns haben sehr tief gelernt, dass Ruhe etwas ist, das nach dem Leisten kommt.
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Erst funktionieren.
Erst kümmern.
Erst erledigen.
Erst für alle anderen da sein.
Und danach dürfen wir uns ausruhen.
Dabei ist Ruhe doch keine Belohnung.
Sie ist kein Preis dafür, dass wir besonders viel ausgehalten oder besonders viel geschafft haben.
Und Zeit für uns selbst ist auch kein Luxus, den wir uns erst erlauben dürfen, wenn alles andere erledigt ist.
Vielleicht ist es sogar genau andersherum.
Vielleicht brauchen wir diese kleinen Räume mitten im Leben, damit wir überhaupt verbunden bleiben mit uns selbst.
Nicht erst dann, wenn wir völlig leer sind.
Nicht erst dann, wenn unser Körper laut werden muss.
Nicht erst dann, wenn das Leben uns dazu zwingt, stehen zu bleiben.
Sondern vorher.
Zwischendrin.
Jetzt.
Ich bin auch noch da.
Dieser Gedanke berührt mich besonders.
Denn wie schnell verlieren wir uns selbst zwischen all den Rollen, die wir jeden Tag erfüllen.
Mama.
Partnerin.
Freundin.
Tochter.
Kollegin.
Selbstständige.
Organisatorin.
Kümmernde.
Planende.
Funktionierende.
Und irgendwann besteht ein Tag fast nur noch daraus, irgendwo gebraucht zu werden.
Das bedeutet nicht, dass all diese Dinge schlecht sind. Ganz im Gegenteil. Vieles davon erfüllt uns, gehört zu uns und ist Teil unseres Lebens.
Aber irgendwo zwischen all diesen Rollen gibt es auch noch diesen Menschen darunter.
Dich.
Nicht das, was du für andere leistest.
Nicht das, was du heute geschafft hast.
Nicht deine To-do-Liste.
Nicht die Erwartungen, die du glaubst erfüllen zu müssen.
Einfach dich.
Und manchmal brauchen wir vielleicht gar keine riesige Veränderung.
Vielleicht brauchen wir einfach immer wieder kleine Momente, in denen wir spüren:
Ich bin auch noch da.
Vielleicht ist genau daraus Sinnspiriert entstanden.
Während ich heute über all diese Begegnungen und Gedanken nachgedacht habe, wurde mir etwas wieder sehr bewusst.
Warum ich diesen Raum überhaupt schaffen wollte.
Warum mir das Ganze so viel mehr bedeutet als einfach nur Yogastunden anzubieten.
Natürlich bewegen wir uns auf der Matte.
Wir kräftigen unseren Körper, werden beweglicher, atmen bewusst, kommen zur Ruhe.
Aber für mich steckt noch etwas anderes dahinter.
Ich möchte einen Raum schaffen, in dem du nicht erst etwas leisten musst, bevor du kommen darfst.
Du musst nicht beweglich sein.
Du musst nicht besonders sportlich sein.
Du musst nicht schon Yoga können.
Und du musst auch nicht erst an einem Punkt angekommen sein, an dem du sagst:
Jetzt muss ich wirklich etwas tun.
Du darfst vorher kommen.
Du darfst kommen, obwohl dein Leben gerade eigentlich ganz normal weiterläuft.
Du darfst dir diese Stunde nehmen, obwohl zu Hause noch Wäsche liegt.
Obwohl deine To-do-Liste nicht leer ist.
Obwohl du vielleicht das Gefühl hast, eigentlich keine Zeit dafür zu haben.
Du darfst kommen und einfach für einen Moment nichts anderes sein müssen.
Nicht funktionieren.
Nicht optimieren.
Nicht erreichen.
Nur bewegen.
Atmen.
Spüren.
Vielleicht lachen.
Vielleicht still werden.
Vielleicht feststellen, wie lange du dich selbst eigentlich schon nicht mehr richtig wahrgenommen hast.
Ein Raum für Verbindung.
Als ich für Sinnspiriert die Worte „Raum für Verbindung“ gewählt habe, hatten sie für mich schon damals eine Bedeutung.
Aber ich glaube, ich verstehe selbst immer mehr, wie tief sie eigentlich gehen.
Verbindung kann die Verbindung zwischen Eltern und Kindern sein.
Zwischen Menschen, die gemeinsam Yoga praktizieren.
Zwischen Körper und Atem.
Zwischen Bewegung und Ruhe.
Aber vor allem ist es vielleicht die Verbindung, die wir im Alltag am schnellsten verlieren:
die Verbindung zu uns selbst.
Zu der Frage:
Wie geht es mir eigentlich gerade?
Was brauche ich?
Wie fühlt sich mein Körper an?
Wann habe ich zuletzt wirklich tief ausgeatmet?
Wann habe ich etwas getan, ohne dabei produktiv sein zu müssen?
Wann habe ich mir zuletzt erlaubt, einfach nur da zu sein?
Nicht jede dieser Fragen braucht sofort eine Antwort.
Vielleicht reicht es manchmal schon, sie überhaupt wieder zu hören.
Nicht erst irgendwann.
Ich möchte nicht darauf warten, dass das Leben uns irgendwann zum Anhalten zwingt.
Ich möchte auch nicht glauben, dass wir erst genug leisten, genug durchhalten oder genug schaffen müssen, bevor wir uns selbst etwas Gutes tun dürfen.
Vielleicht können wir anfangen, uns mitten im Leben kleine Räume zu nehmen.
Nicht perfekt.
Nicht jeden Tag eine Stunde Meditation.
Nicht jeden Morgen eine ausgefeilte Selfcare-Routine.
Vielleicht einfach zehn Minuten draußen sitzen.
Ein Spaziergang ohne Handy.
Ein Kaffee, der nicht nebenbei kalt wird.
Ein bewusstes Ausatmen.
Eine Yogastunde.
Ein Gespräch mit einem Menschen, bei dem wir uns nicht erklären müssen.
Ein Moment, in dem wir wieder merken:
Da bin ja auch noch ich.
Und vielleicht können wir aufhören, diese Dinge auf irgendwann zu verschieben.
Denn irgendwann ist kein Ort, an dem das eigentliche Leben beginnt.
Das Leben ist längst da.
Mitten im Chaos.
Mitten zwischen Terminen, Verpflichtungen und all den Dingen, die noch erledigt werden wollen.
Und genau dort dürfen auch wir einen Platz haben.
Nicht erst, wenn alles geschafft ist.
Nicht erst, wenn es gar nicht mehr anders geht.
Nicht erst irgendwann.
Sondern jetzt.
Vielleicht ist genau das der Raum, den ich mit Sinnspiriert schaffen möchte.
Einen Raum, in dem du nichts beweisen musst.
Einen Raum, in dem du wieder ein kleines Stück bei dir ankommen darfst.
Einen Raum für Verbindung.