Bist du eigentlich auf deiner eigenen Seite?
Wir sprechen so oft davon, „bei uns anzukommen“.
Ein Satz, den auch ich gerne benutze. Und trotzdem frage ich mich manchmal, was das eigentlich wirklich bedeutet.
Denn bei sich zu sein ist für mich nicht nur dieser eine ruhige Moment auf der Yogamatte. Nicht die zehn Minuten am Morgen, in denen niemand etwas von uns möchte. Nicht der Spaziergang, die Meditation oder die Tasse Tee, die wir ganz bewusst trinken.
All das kann guttun. Sehr sogar.
Aber bei sich zu sein beginnt für mich an einer anderen Stelle.
Es zeigt sich darin, wie wir mit uns umgehen, wenn es gerade nicht leicht ist.
Bleibst du bei dir, wenn es unbequem wird?
Wenn Zweifel auftauchen. Wenn du eine Entscheidung treffen musst. Wenn jemand anderer Meinung ist als du. Wenn du unsicher bist. Wenn du nicht die Version von dir bist, die du selbst am liebsten magst.
Wie schnell passiert es dann, dass wir die Antwort im Außen suchen?
Wir fragen andere, was sie tun würden. Wir vergleichen uns. Wir schauen, wie andere leben, arbeiten, aussehen, entscheiden oder mit bestimmten Situationen umgehen.
Und manchmal merken wir gar nicht, dass wir dabei immer weiter weggehen von einer Stimme, die eigentlich ebenfalls gehört werden möchte: der eigenen.
Das bedeutet nicht, dass wir niemanden brauchen.
Wir dürfen uns Rat holen. Wir dürfen uns anlehnen. Wir dürfen Menschen brauchen, uns austauschen und uns tragen lassen.
Verbindung mit sich selbst bedeutet für mich nicht, alles alleine schaffen zu müssen.
Es bedeutet, dass zwischen all den Stimmen im Außen die eigene nicht verloren geht.
Für sich da sein – auch mit den unbequemen Anteilen
Es ist leicht, auf der eigenen Seite zu sein, wenn wir uns stark fühlen.
Wenn wir eine gute Entscheidung getroffen haben. Wenn etwas gelingt. Wenn wir zufrieden mit uns sind.
Aber was passiert an den anderen Tagen?
Wenn wir gereizt sind. Wenn wir überfordert sind. Wenn wir zweifeln. Wenn wir etwas bereuen. Wenn wir uns vergleichen. Wenn wir traurig sind, obwohl doch eigentlich alles „gut“ sein müsste.
Auch das gehört zu uns.
Für sich da zu sein bedeutet nicht, diese Seiten schönreden zu müssen. Es bedeutet auch nicht, jedes Gefühl sofort in etwas Positives verwandeln zu wollen.
Manchmal dürfen wir einfach aufhören, gegen das anzukämpfen, was gerade da ist. Nicht jedes unangenehme Gefühl braucht sofort eine Lösung. Manches möchte erst einmal wahrgenommen werden.
Wir können für so viele Menschen da sein.
Wir hören zu. Wir trösten. Wir begleiten. Wir organisieren. Wir halten aus. Wir versuchen zu verstehen.
Gerade im Familienalltag kenne ich dieses Gefühl sehr gut: Es gibt so viele Menschen und Dinge, die Aufmerksamkeit brauchen. Und man selbst läuft irgendwo mittendrin mit. Aber ich glaube, die entscheidende Frage ist nicht nur: Wie viel Zeit nehme ich mir für mich? Sondern auch: Wie begegne ich mir in der Zeit, in der ich keine Pause habe?
Denn Selbstverbindung kann nicht davon abhängig sein, dass gerade alles ruhig ist. Sie findet mitten im Leben statt.
Im Chaos. In Entscheidungen. In Konflikten. In schönen Momenten. In Unsicherheit. Auf der Yogamatte – und genauso danach.
Und genau hier begegnet mir Yoga. Yoga ist für mich deshalb so viel mehr als Bewegung. Natürlich liebe ich die körperliche Praxis. Den Atem. Das bewusste Spüren. Diese Momente, in denen der Kopf etwas leiser wird.
Aber das, was Yoga mir mitgibt, endet nicht, wenn ich meine Matte zusammenrolle. Es begleitet mich in der Frage: Kann ich wahrnehmen, was gerade in mir passiert, ohne sofort darauf reagieren zu müssen? Kann ich einen Moment bleiben? Kann ich zuhören? Kann ich unterscheiden zwischen dem, was von außen auf mich einwirkt, und dem, was sich für mich wirklich stimmig anfühlt? Und kann ich mir selbst auch dann freundlich begegnen, wenn die Antwort gerade nicht klar ist?
Das gelingt nicht immer. Und genau darum geht es für mich auch nicht. Bei sich zu sein ist kein Zustand, den man irgendwann erreicht. Es gibt keinen Punkt, an dem wir sagen können: So. Jetzt bin ich vollkommen bei mir und bleibe es für immer.
Wir werden uns immer wieder verlieren. Uns vergleichen. Zweifeln. Im Außen nach Antworten suchen. Über unsere Grenzen gehen. Uns selbst übergehen.
Entscheidend ist für mich nicht, dass das nie wieder passiert. Sondern dass wir irgendwann merken: Da bin ich gerade von mir weggegangen. Und dann dürfen wir zurückkommen. Nicht mit Druck. Nicht mit Selbstoptimierung. Nicht mit dem nächsten Punkt auf unserer persönlichen To-do-Liste.
Sondern mit Aufmerksamkeit. Mit Ehrlichkeit. Und vielleicht auch mit ein bisschen mehr Mitgefühl für den Menschen, mit dem wir unser ganzes Leben verbringen werden: uns selbst.
Für mich ist genau das eine Form von Yoga. Nicht nur eine Stunde auf der Matte. Sondern eine Art, durchs Leben zu gehen. Mit allem, was zu uns gehört – und ohne uns selbst dabei immer wieder zu verlassen.
Vielleicht ist deshalb eine der wichtigsten Fragen, die wir uns zwischendurch stellen können, gar nicht so kompliziert:
Bist du gerade auf deiner eigenen Seite?